DFG-Förderung für die Erforschung ästhetischer Entscheidungen

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert ein neues Forschungsprojekt, das ästhetische Entscheidungsfindung untersucht

23. März 2021

Welchen Film schaue ich mir heute Abend an? Kann ich ein Zimmer mit Meerblick bekommen? Soll ich versuchen, den gutaussehenden Barkeeper anzusprechen? Unser Alltag ist voll von Entscheidungen, die sich zumindest teilweise auf ästhetische Urteile gründen. Das Walter Benjamin-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert ein zweijähriges Projekt, in dem Aenne Brielmann vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik erkundet, welche Werte ästhetischen Entscheidungen zugrundeliegen.

Ästhetische Entscheidungsfindung auf dem Wohnzimmersofa.

Empirischen Ästhetiker diskutieren schon lange, welche Mechanismen ästhetische Urteile leiten . Bevorzugen wir vielleicht Objekte, die wir ohne Schwierigkeiten verarbeiten können? Vielleicht hören wir gerne Musik, deren Akkordfolgen uns von Hunderten Charthits vertraut ist, weil unser Gehirn sie flüssiger verarbeiten kann als, sagen wir, eine Zwölftonkomposition. Das ist die Grundbehauptung der fluency-Theorien. Doch wenn das wahr ist, warum ändert sich dann manchmal unser Geschmack, oder warum werden wir eines Liedes überdrüssig?
Hier kommen die sogenannten Lerntheorien ins Spiel: Vielleicht suchen wir ja neue, herausfordernde Erlebnisse, durch die wir lernen können; Erlebnisse, die unser Gehirn an unterschiedliche Inputs anpasst, damit wir besser für künftige Erlebnisse vorbereitet sind.
„Wir glauben, dass die Wahrheit eine Synthese dieser beiden konkurrierenden Theorien ist“, vermutet Brielmann. „Man muss bedenken, dass unser Gehirn sich so anpassen muss, dass es Sinneseindrücke sowohl in der Gegenwart als auch in der Zukunft  verarbeiten kann. Wenn wir das auf dem Hintergrund unseres allgemeinen Wissens über Lernen durch Belohnung analysieren, ergänzen sich die Theorien sogar perfekt.“


Den Verlauf der Langeweile testen

Brielmann und ihre Kollegen testen bereits ein einfaches Modell, das sie aus diesen theoretischen Überlegungen abgeleitet haben. Sie wollen zunächst bekannte Ergebnisse der empirischen Ästhetik wie die Entstehung von Langeweile replizieren. Im nächsten Schritt werden sie sich originären Fragen nähern: Sie werden ein neues experimentelles Paradigma entwickeln, mit dem sich untersuchen lässt,  wie Individuen sich entscheiden was sie konsumieren, wie lange sie das tun, und zu welchem Preis.
In der einfachsten Version des Experiments können Studienteilnehmer*innen eine “virtuelle Galerie” besuchen: Sie erkunden verschiedene Bildersammlungen und können dabei nach Belieben ein Bild betrachten oder sich dem nächsten Bild zuwenden. Die Forscher*innen wollen messen, wie lange die Teilnehmer*innen die Bilder ansehen und gleichzeitig erfassen, wie sehr den Proband*innen die Bilder nach eigenen Angaben gefallen.
Nach jetzigem Stand gibt es noch keine endgültige Erklärung, wieso wir mögen, was wir mögen, geschweige denn eine umfassende Theorie, die individuelle ästhetische Entscheidungen vorhersagen könnte. Die Forschergruppe aus Tübingen möchte diese Lücke schließen und diese grundlegenden Fragen nach alltäglichen Entscheidungen beantworten.
Aenne Brielmann freut sich auf den Beginn des Projekts im kommenden August: „Wir wissen einiges darüber, wie Leute Entscheidungen über Geld, Essen oder Sex treffen – aber nicht so viel darüber, wie sie einen Film oder ein neues Sofa auswählen. Ich bin gespannt zu untersuchen, welche Faktoren solchen alltäglichen Entscheidungen zugrundeliegen.“


Zur Redakteursansicht