Was nachts im Gehirn passiert – und warum es wichtig ist
Interview mit Svenja Brodt über Schlaf, Träume und Gesundheit
In diesem Gespräch tauchen wir tief in die nächtlichen Vorgänge im Gehirn ein. Svenja Brodt beleuchtet, welche Funktionen die verschiedenen Schlafphasen erfüllen und welche Rolle Träume spielen. Außerdem erklärt sie, warum guter Schlaf so wichtig für unsere Gesundheit ist, und gibt Tipps für bessere Schlafgewohnheiten.
Wir schlafen im Schnitt fast ein Drittel unseres Lebens. Doch Schlaf ist nicht gleich Schlaf: Wir durchlaufen in jeder Nacht mehrfach unterschiedliche Phasen. Fangen wir mal von vorne an: Was passiert zu Beginn der nächtlichen Ruhe?
Beim Einschlafen verändert sich die Gehirnaktivität drastisch. Im Elektroenzephalogramm, einer Methode zur Messung der elektrischen Aktivität des Gehirns, lässt sich das direkt beobachten: Die Hirnwellen, im Wachzustand schnell und klein, werden zunehmend langsamer und größer – das Gehirn schaltet einen Gang herunter.
Nach einer recht langen Phase leichten Schlafs kommen wir in den Tiefschlaf. Oft heißt es, er sei besonders erholsam. Was ist das Besondere an ihm?
Im Tiefschlaf arbeiten die Neuronen noch mehr im Gleichtakt; die Gehirnwellen werden dadurch noch langsamer und größer. In dieser Phase finden die zentralen Regenerationsprozesse statt.
Häufig ist auch von einer Reinigung des Gehirns während des Tiefschlafs die Rede.
Genau; seit etwa zehn Jahren erst wissen wir, dass im Schlaf Stoffwechselabfälle aus dem Gehirn gespült werden. Darunter sind auch krankmachende Ablagerungen wie Beta-Amyloid-Plaques, die mit Alzheimer in Verbindung stehen. Für diesen Prozess brauchen wir die langsamen Gehirnwellen: Sie ermöglichen es, dass die Abbauprodukte nach und nach abtransportiert werden.
Besonders faszinierend für viele ist der REM-Schlaf: jene letzte Phase im Zyklus, in der wir intensive Träume erleben. Das Gehirn ist dabei hochaktiv und verbraucht viel Energie. Warum leistet sich der Körper diese kostspielige Aktivität?
Das ist ein schwieriges Thema! REM-Schlaf ist die am wenigsten verstandene Schlafphase. Die Gehirnaktivität ähnelt dabei erstaunlich der im Wachzustand. Auffällig ist, dass wir uns an die intensiven und gefühlsbetonten REM-Träume besonders gut erinnern. Man vermutet, dass sie gezielt der Verarbeitung emotionaler Erlebnisse dienen.
Manche Menschen behaupten, gar nicht zu träumen. Kann das stimmen?
Prinzipiell kann man kaum unterscheiden, ob man nicht geträumt hat oder sich schlicht nicht daran erinnert. Das Erinnerungsvermögen hängt stark davon ab, in welcher Schlafphase man aufwacht: In manchen sind bestimmte Botenstoffe im Gehirn in deutlich anderen Mengen vorhanden als im Wachzustand, so dass das Gedächtnis eingeschränkt ist.
Kann man trotzdem lernen, sich besser an seine Träume zu erinnern?
Ja, man kann einüben, sich unmittelbar nach dem Aufwachen zu fragen, was gerade im Kopf vorgegangen ist. Wenn das zur Gewohnheit wird, erinnert man sich öfter und genauer.
Die Forschungsgruppe „Brain States for Plasticity“ beschäftigt sich unter anderem mit der Rolle von Schlaf für die Gedächtnisbildung. Wie genau unterstützt dieser das Gehirn dabei, Informationen zu speichern?
Lange gab es dazu zwei konkurrierende Theorien; inzwischen wissen wir, dass beide ihre Berechtigung haben. Die eine besagt, dass Schlaf aussortiert: Die Gehirnaktivität und die tagsüber entstandenen neuronalen Verbindungen werden herunterreguliert, nur die wichtigsten bleiben erhalten. Die andere beschreibt einen aktiven Prozess, den man gut an Träumen erklären kann: Manchmal erleben wir die Ereignisse des Tages nachts wieder. Diese Reaktivierung passiert im Schlaf generell – nicht nur in Träumen, sondern auch unabhängig davon – und stärkt dadurch die Erinnerungen.
Was passiert, wenn wir dauerhaft zu wenig schlafen?
Es gibt alte Studien dazu, wie lange man es ohne Schlaf aushält; der Weltrekord liegt bei etwa elf Tagen. Das würde heute natürlich niemand mehr untersuchen. Das gravierendste Problem beim akuten Schlafentzug ist: Ohne Schlaf gibt es kein Herunterfahren der neuronalen Aktivität, keine Regeneration. Die Neuronen bleiben dauerhaft überaktiv, und im schlimmsten Fall mündet das in einen epileptischen Anfall.
Oft heißt es, es sei nicht nur wichtig, wie viel wir schlafen, sondern auch die Qualität des Schlafs. Was ist damit gemeint?
Bei gesundem Schlaf kommen alle Phasen in ausreichendem Maß vor: in der ersten Nachthälfte vor allem Tiefschlaf, in der zweiten vor allem REM. Entscheidend ist aber auch, dass die Nachtruhe nicht unterbrochen wird. Fragmentierter Schlaf, der im Alter häufiger auftritt, beeinträchtigt die Schlafqualität erheblich.
Gibt es einen Tipp für besseren Schlaf, der sich im Alltag leicht umsetzen lässt?
Eigentlich ganz einfach: Im Bett wird nur geschlafen. Das ist der Kern der sogenannten Schlafhygiene. Konkret heißt das: kein Fernsehen zum Einschlafen, und wer nachts länger wach liegt, steht lieber auf und legt sich erst wieder hin, wenn die Müdigkeit zurückkehrt.
