Tiermodelle sind ein wesentlicher Baustein bei der Übertragung von Forschungsergebnissen in die Medizin

Interview mit Thomas Ott zu Tierversuchen und ihren Alternativen

19. Februar 2026

Ob Tierversuche heute noch notwendig und gerechtfertigt sind, wird von Gegnern wie Befürwortern intensiv diskutiert. Wir haben mit Dr. Thomas Ott, dem Leiter des Tierhauses am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik über aktuelle Entwicklungen in der Tierversuchsforschung gesprochen. Dabei wurden mögliche Alternativmethoden, ethische Abwägungen und der Stand der öffentlichen Debatte thematisiert.

Die tierexperimentelle Forschung ist den sogenannte 3R-Prinzipien verpflichtet: Replace, also das Ersetzen von Tierversuchen, Reduce, die Verringerung der Tierzahl, und Refine, die Verbesserung des Tierwohls. Schauen wir uns das erste R, die Vermeidung von Tierversuchen, genauer an. Wo werden aktuell Tierversuche schon ersetzt?

In den letzten Jahren hat sich einiges entwickelt, insbesondere in der Testung von Pharmazeutika. Die Effekte der Wirkstoffe werden häufig nicht mehr an Tieren getestet, sondern in silico vorhergesagt, also mit Computerprogrammen, oder auch mit Zellkulturen oder Organchips. Im letzten Jahrzehnt hat hier bereits ein deutlicher Umschwung stattgefunden. 

Besteht auch in der Grundlagenforschung Potential, auf alternative Methoden auszuweichen?

Hier bewegt sich so viel, dass man bei den rasanten Entwicklungen kaum noch mitkommt. Die alternativen Methoden – Zellkulturen, Organoide, in-silico-Analysen – haben sich in den letzten Jahren dank der Fortschritte in der Künstlichen Intelligenz, die zur Dateninterpretation eingesetzt wird, deutlich verbessert. Aber man muss auch betonen: Viele unserer experimentellen Herangehensweisen sind von vornherein tierversuchsfrei. Der Tierversuch ist grundsätzlich die letzte Stufe, zu der man greift, wenn man versucht, Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung auf den Menschen zu übertragen. 

Oft heißt es, die Neurowissenschaften hätten eine Sonderrolle, was die Notwendigkeit von Tierversuchen betrifft. Ist da was dran?

Das ist durchaus richtig. Die Anzahl der Neuronen und vor allem ihrer Verbindungen untereinander ist so groß, dass eine Nachbildung des Gehirns mit dem Computer jenseits aller heutigen Möglichkeiten liegt. Aber man kann durchaus schon kleinere komplexe Systeme wie zum Beispiel das Auge einer Fliege simulieren. Wir sind hier in Tübingen ziemlich weit vorne mit dabei, etwa durch den Exzellenzcluster für Maschinelles Lernen und das Cyber Valley. Allerdings muss man auch sagen: Das Fliegenauge hat 130 000 Neuronen, das menschliche Gehirn etwa 100 Milliarden. Das macht die Gehirnforschung so interessant, aber auch so komplex. 
Meiner Auffassung nach muss die neurowissenschaftliche Grundlagenforschung zunächst die Basis für den Einsatz von KI schaffen. Der Lernprozess der KI basiert ja auf Daten, und diese Daten können nirgendwo anders herkommen als aus Tierversuchen. 

Heißt das, dass Tierversuche für neurowissenschaftliche Fragestellungen auch künftig nicht ersetzbar sein werden?

In der unmittelbaren Zukunft wohl nicht. In den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren kann sich das aber durchaus ändern. Viel wird davon abhängen, wie sich Künstliche Intelligenz weiterentwickelt – und auch neue Chip-Strukturen. Es gibt inzwischen neuromorphe Chips, die neuronale Netzwerke bereits in ihrer Hardware abbilden. Man kann hoffen, es dadurch möglich wird, Entwicklungsprozesse und Krankheiten besser zu verstehen.

 Tierversuchsgegner argumentieren oft, Ergebnisse aus Tierversuchen seien ohnehin nicht auf den Menschen übertragbar. 

Dahinter steht eine sehr naive Vorstellung. Natürlich habe ich keine vier Beine und gehe aufrecht, aber die Vergleichbarkeit der Physiologie ist unbestritten. Ob ein Ergebnis übertragbar ist, muss man natürlich im Einzelfall prüfen, aber meist ist es das. Meines Wissens wurden alle in den letzten Jahrzehnten zugelassenen Medikamente – sei es für Diabetes, Krebs, Immuntherapie usw. – mittels Tierversuchen entwickelt. Das beste Beispiel sind die Corona-Impfstoffe, die ohne Tierversuche nicht möglich gewesen wären. Sie haben sich auch im Menschen als sicher und wirksam erwiesen. 

Was ist Menschen zu erwidern, die Tierversuche grundsätzlich ablehnen, weil sie das Leben und Wohlergehen eines Tieres als gleichwertig zu dem eines Menschen betrachten?

Die Frage ist letztlich eine philosophische, fast religiöse. Dass Tiere Schmerzen empfinden können, würde niemand bestreiten; sie verfügen über entsprechende Rezeptoren, und ihr Verhalten zeigt es deutlich. Aber ich finde, man muss abwägen: Mir persönlich steht der Mensch näher als das Tier. Wenn ein Tier leiden muss, damit wir einen Menschen retten können, dann, meine ich, muss man das in Kauf nehmen. Aber nur, wenn es keine Alternativen gibt, und nur, wenn man alles daransetzt, die Belastung für das Tier so gering wie möglich zu halten.
Je nach Umfrage lehnen etwa 60 bis über 70 Prozent der Deutschen Tierversuche ab. 
Man muss diese Einstellung ernst nehmen. Natürlich wirft das die Frage auf: Wieso hält ein Großteil der Bevölkerung Tierversuche für nicht notwendig? Das liegt zum Teil an einem gewissen Unwissen. Viele Menschen äußern zum Beispiel, sie seien gegen Tierversuche in der Kosmetik…

… die ja schon seit 2013 in der EU vollständig verboten sind. 

Genau. Hier kollidieren oft Emotionen mit Fakten. Nicht jeder Mensch hat medizinisch-biologisches Fachwissen, und es ist schwierig, solch komplexe Sachverhalte auf wenige Überschriften zu reduzieren. Tierversuchsgegner haben es da leichter: Sie sagen schlicht, Tiere leiden und die Ergebnisse seien nicht übertragbar. Sobald man differenziert, wird es deutlich komplexer. Und genau das ist die Herausforderung: diese Komplexität glaubhaft und überzeugend darzustellen. 

Die Debatte über Tierversuche wird in der Öffentlichkeit oft emotional geführt. Was könnte zu einer Versachlichung beitragen?

Eine offene, transparente Kommunikation ist entscheidend. Eine Wissenschaft im Elfenbeinturm – das ist nicht gut. Deswegen ist unser Institut ja auch der Initiative Transparente Tierversuche beigetreten. Wir zeigen damit, dass wir nichts zu verstecken haben; dass wir uns mit unseren Forschungsansätzen der kritischen Öffentlichkeit stellen und gerne den Diskurs suchen: über Sinnhaftigkeit, aber auch möglichen Unsinn von Tierve

 

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