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Nachruf auf Werner E. Reichardt 1924-1992

Am 18. September 1992 ist Werner Reichardt mit 68 Jahren in Tübingen gestorben. Er war einer der großen Naturforscher unserer Zeit. Seine bedeutenden Entdeckungen auf dem Gebiet der Informationsverarbeitung in Nervensystemen haben in der modernen Hirnforschung Neuland erschlossen. Seine theoretischen und experimentellen Beiträge zur Aufklärung des Bewegungssehens und der Gestaltunterscheidung bleiben ein Vermächtnis für künftige Forschergenerationen.

Seine Kindheit erlebte Werner Reichardt im Berlin der Weimarer Republik. An seinem neunten Geburtstag wurde Hitler Reichskanzler - einen Monat später brannte der Reichstag. Der Anblick der Ruine nach der Brandnacht und die prophetischen Worte seines Vaters über die "Braunen Horden" sind ihm ein Leben lang gegenwärtig geblieben und haben sein Denken und Handeln geprägt.

Werner Reichardts Ausbildung ist nicht in den üblichen Bahnen verlaufen. Während seiner Schülerzeit war er an manchem freien Nachmittag als Laborant im Privatlabor von Hans Erich Hollmann tätig. Dort wurde er mit der von Hollmann entwickelten Ultrakurzwellentechnik vertraut. Um den Hintergrund dieser Technik besser verstehen zu können, erarbeitete er sich ohne Anleitung Maxwells Theorie der elektromagnetischen Wellen. Das blieb nicht ohne Folgen: Nach Ausbruch des Krieges wurde er als Funkmeßtechniker für besondere Aufgaben zur Luftwaffe eingezogen. In einem der Entwicklungslabors, denen er zugeteilt wurde, traf er auf engagierte Regimegegner, denen er sich aus Überzeugung anschloß.

Als seine Eltern bei einem Bombenangriff auf Berlin umkamen, war er 19 Jahre alt. Es gab nun keine Angehörigen mehr, die er durch seine Zusammenarbeit mit der Widerstandsgruppe gefährden konnte. Er wurde deshalb an riskanten Vorhaben beteiligt, z.B. an dem Aufbau einer geheimen Funkverbindung zu den Westalliierten. Wenige Monate vor Kriegsende flog die Widerstandsgruppe auf. Er wurde von der Gestapo verhaftet und verurteilt. Als der Kampf um Berlin schon begonnen hatte und seine Lebenserwartung auf ein paar Tage geschrumpft war, gelang ihm und einigen resoluten Mitgefangenen der Ausbruch in die Freiheit. Werner Reichardt hatte vor, sich die Eindrücke dieser Jahre von der Seele zu schreiben. Beim Lesen seiner fragmentarischen Aufzeichnungen ist zu spüren, wie schwer er ihm damals fiel, an eine Zukunft seines wiedergewonnen Lebens zu glauben.

In den ersten Nachkriegsjahren hat sich Werner Reichardt als Student der Physik mit der Reparatur von Radios und der Beschaffung von elektronischen Bauteilen über Wasser gehalten. Später erhielt er Stipendien und private Spenden, um sein Studium an der Technischen Universität in Berlin mit der Promotion abschließen zu können.

Werner Reichardts wissenschaftlicher Werdegang ist geprägt von Begegnungen mit hervorragenden Forscherpersönlichkeiten. Von 1952 bis 1954 war er Assistent am Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin. Zu seinen Lehrern gehörten Max v. Laue, der den Nobelpreis für die Entdeckung der Röntgenbeugung erhalten hatte, und Ernst Ruska, der ihn später für seinen Beitrag zur Entwicklung des Elektronenmikroskops erhielt.

Es ist bezeichnend für Werner Reichardt, daß er in dieser Zeit nicht nur über Probleme der Festkörperphysik nachdachte. Schon im Krieg hatte er auf einem seiner Kommandos Bernhard Hassenstein kennengelernt, der ihm biologische Gedankengänge nahebrachte. Hassenstein, der inzwischen Assistent bei Erich von Holst in Wilhelmshaven war, hatte ihm bei einer neuerlichen Begegnung von seinen Versuchen zum Bewegungssehen des Käfers Chlorophanus erzählt. Werner Reichardt erkannte mit sicherem Gespür, daß eine systemtheoretische Deutung der Ergebnisse zu tiefgreifenden neuen Erkenntnissen führen würde. Damals entstanden drei bedeutende gemeinsame Arbeiten über das Bewegungssehen.

Diese Arbeiten beeindruckten den Physiker Max Delbrück am California Institute of Technology, der später den Nobelpreis für seine Beiträge zur Phagengenetik erhielt. Delbrück erschien eines Tages im Fritz-Haber-Institut, um sich den jungen Reichardt genauer anzusehen. Als er abreiste, hatte er Werner Reichardt zu einem Forschungsaufenthalt nach Pasadena eingeladen und damit endgültig für die Biowissenschaften gewonnen. Biologie, so sagte er ihm, sei das Gebiet, auf dem man als Physiker noch gleichzeitig theoretisch und experimentell erfolgreich sein könne.

Durch Delbrück wurden Karl Friedrich Bonhoeffer und Wolfhard Weidel auf Werner Reichardt aufmerksam. Bonhoeffer holte ihn 1955 als Assistent an das Max-Planck-Institut für physikalische Chemie nach Göttingen. Nach dem Tod von Karl Friedrich Bonhoeffer haben sich Georg Melchers und Wolfhard Weidel am Max-Planck-Institut für Biologie in Tübingen erfolgreich für die Gründung einer "Forschungsgruppe Kybernetik" unter Leitung des Physikers Werner Reichardt, des Biologen Bernhard Hassenstein und des Elektronikers Hans Wenking eingesetzt. In diese Zeit fällt die Eheschließung mit Barbara Reichardt, geb. Lüdecke. Der Kreis der jungen Mitarbeiter der Forschungsgruppe erweiterte sich. Zukunftspläne wurden geschmiedet, Neues miteinander erdacht und erprobt. Nichts erschien unerreichbar. Freude am Leben und Freude an der Arbeit vereinigten sich für alls Beteiligten zu einem besonders glücklichen Lebensabschnitt.

Inzwischen war man in den Vereinigten Staaten erneut auf Werner Reichardts Arbeiten aufmerksam geworden. Er erhielt 1960 drei Rufe an weltweit führende Forschungsinstitutionen. Die Max-Planck-Gesellschaft reagierte schnell und bot ihm noch im gleichen Jahr eine selbständige Abteilung am Max-Planck-Institut für Biologie in Tübingen an. Diese Abteilung wurde durch seine Initiative zur Keimzelle des 1968 gegründeten Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik, an dem er als dienstältester Direktor 24 Jahre bis zu seiner Emeritierung im Januar 1992 tätig war.

Werner Reichardts wissenschaftliches Lebenswerk zeichnet sich durch zwei herausragende Entdeckungen aus, an denen er vorrangig beteiligt war und die entscheidend zum Verständnis der Informationsverarbeitung in Nervensystemen beigetragen haben. Angeregt durch die gemeinsamen Untersuchungen mit Bernhard Hassenstein und Hans Wenking hatte er sich vorgenommen, das faszinierende Sehsystem der Fliegen und dessen Einfluß auf die Flugorientierung theoretisch und experimentell zu analysieren. Die Beschreibung des Bewegungssehens durch das nach ihm benannte "Korrelationsmodell" führte zu einer allgemeinen Theorie der Bewegungswahrnehmung, die durch Messungen der bewegungsinduzierten Kurskontrollreaktion während des Fluges im Detail bestätigt werden konnte. Damit haben er und seine Mitarbeiter Tomaso Poggio und Dezsö Varjú ein generelles neuronales Verrechnungsprinzip aufgedeckt, das z.B. auch im Sehsystem des Menschen nachweisbar ist.

Der Durchbruch zum Verständnis höherer Sehleistungen gelang Werner Reichardt mit der Aufklärung der objektinduzierten Kurskontrollreaktion, die den Fliegen das Ansteuern und Verfolgen einer "Figur" innerhalb ihres Gesichtsfelds ermöglicht. Diese Reaktion setzt die Unterscheidung der Figur von ihrem visuellen Kontext voraus. Werner Reichardt und seinen Mitarbeitern Martin Egelhaaf, Klaus Hausen und Tomaso Poggio gelang u.a. der Nachweis, daß Figur und Hintergrund beim Auftreten von Bewegungsdiskontinuitäten an den Grenzen ihrer retinalen Abbilder durch eine Klasse von lateral inhibierenden nichtlinearen Interaktionen 4. Ordnung getrennt werden können. Damit war erstmals ein gangbarer Weg zu den physiologischen Voraussetzungen des kognitiven Prozesses der Figur-Grund Unterscheidung gebahnt. Werner Reichardts theoretische und experimentelle Beiträge zu diesem Durchbruch sind originell und richtungsweisend. Obwohl seine Entdeckungen heute noch nicht in ihrer ganzen Tragweite zu übersehen sind, gehören sie nach Meinung vieler Fachkollegen zu den bedeutendsten Errungenschaften der Psychophysik unseres Jahrhunderts.

In den Anfangsjahren hat es bei den etablierten klassischen Biologen durchaus Widerstand gegen Werner Reichardts unkonventionelles Vorgehen gegeben. Später hat er erleben dürfen, wie aus prominenten Widersachern überzeugte Befürworter und Freunde wurden. Anerkennung hat er nicht gesucht, aber die vielen Auszeichnungen, die ihm zuteil geworden sind, haben ihm Freude bereitet. Er war seit 1965 Honorarprofessor der Tübinger Universität, seit 1970 ordentliches Mitglied der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur, seit 1971 ordentliches Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina in Halle, seit 1972 auswärtiges Mitglied der American Academy of Arts and Sciences in Cambridge, Massachusetts, seit 1977 auswärtiges Mitglied der Koninklijke Nederlandse Akademie van Wetenschappen in Amsterdam, seit 1980 Mitglied der Ordens Pour de Mérite, seit 1984 Senator der Max-Planck-Gesellschaft, seit 1988 auswärtiges Mitglied der National Academy of Sciences in Washington und seit 1989 auswärtiges Mitglied der American Philosophical Society in Philadelphia sowie Mitglied der Academia Europaea in Cambridge, England. Im gleichen Jahr wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Technischen Hochschule Aachen verliehen. Den H.P. Heineken-Preis konnte er 1985 zusammen mit Bela Julesz in Amsterdam entgegennehmen.

Werner Reichardt hat sich sein Leben nicht leicht gemacht. Seine wissenschaftlichen Erfolge sind ihm nicht zugeflogen, er hat hart daran gearbeitet. Von seinen Mitarbeitern verlangte er viel. Er war fast immer ein wenig erstaunt, wenn andere ihren Urlaub nahmen. Er selbst hat das selten getan. Deshalb sind die gemeinsamen Unternehmungen mit ihm für seine Familie, seine Freunde und seine Mitarbeiter besondere Höhepunkte des Zusammenseins gewesen. Er sucht Harmonie und fand sie in den Musikwerken des 18. Jahrhunderts, wenn er sich am Ende seines Arbeitstages an seinen Flügel setzte.

Für seine Überzeugungen hat Werner Reichardt oft verbissen gekämpft. Unermüdlich war sein Eintreten für gute Wissenschaft nicht nur am eigenen Arbeitsplatz, sondern auch als Gründer und Herausgeber der Zeitschrift Biological Cybernetics and als Ratgeber in zahlreichen Ausschüssen und Kommissionen der Max-Planck-Gesellschaft und anderer Forschungsinstitutionen des In- und Auslands. Das ist nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Er war unglücklich, wenn ihm nicht gelang, was er sich vorgenommen hatte, deprimiert, wenn er Selbstinitiative und Eigenverantwortung durch Richtlinien und Verordnungen verdrängt sah.

Freunden gegenüber konnte er sich öffnen. Jedem seiner Freunde fühlte er sich auf besondere Weise verbunden. In ihrer Gegenwart gelang es ihm, die unbeschwerte Harmonie der glücklichen Jahre lebendig werden zu lassen und sich wohlzufühlen. So war es am letzten Tag, der ihm zu erleben vergönnt war. Ihm zu Ehren hatten sich alle ehemaligen Mitarbeiter zu einem Symposium über das Thema seines Lebenswerks in Tübingen eingefunden. Er beteiligte sich an den Gesprächen und Diskussionen, war glücklich und gelöst, bis er am Abend im Kreis der Familie, der Mitarbeiter und der Freunde nach kurzem Unwohlsein das Bewußtsein verlor. Er sollte es nicht mehr zurückgewinnen.

Die Gemeinschaft der Wissenschaftler hat mit Werner Reichardt einen bedeutenden Gestalter und Neuerer mit klaren Wertbegriffen und Zielvorstellungen verloren. Uns bleibt die Erinnerung an sein Wirken und an seinen souveränen Geist.

Quelle: Götz, K.G. (1993) In: Jahrbuch 1992 der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, pp. 110-114.
Last updated: Mittwoch, 07.03.2012